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„Reich durch Daytrading? – Ein Interview mit Rechtsanwalt Michael Iwanow über Chancen, Risiken und rechtliche Fallstricke für Kleinanleger“

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Interviewer: Herr Iwanow, immer mehr Kleinanleger interessieren sich für Daytrading, angelockt durch Social-Media-Werbung, Trading-Coaches und Berichte über vermeintliche Erfolgsgeschichten. Ist es wirklich möglich, als Kleinanleger durch Trading oder Daytrading langfristig Geld zu verdienen?

Michael Iwanow: Vielen Dank für die Einladung. Theoretisch ist es natürlich möglich, mit Trading Gewinne zu erzielen. In der Praxis sieht es aber oft ganz anders aus. Daytrading – also der kurzfristige Kauf und Verkauf von Aktien, Optionen, Devisen oder anderen Finanzinstrumenten innerhalb eines Handelstages – ist extrem risikoreich. Studien zeigen, dass etwa 80 bis 90 % der privaten Daytrader Verluste machen. Das liegt daran, dass die Märkte schwer vorhersehbar sind und institutionelle Investoren mit überlegener Technologie, Algorithmen und besseren Informationsquellen einen enormen Vorteil haben.

Interviewer: Was sind die häufigsten Fehler, die Kleinanleger beim Daytrading machen?

Michael Iwanow: Einer der größten Fehler ist der Glaube, dass man mit ein bisschen Übung und ein paar Trading-Kursen schnell reich werden kann. Viele Anfänger unterschätzen die psychologische Belastung, die mit Daytrading verbunden ist. Emotionen wie Gier und Angst führen oft zu irrationalen Entscheidungen.

Ein weiteres Problem ist die hohe Gebührenbelastung. Selbst bei günstigen Neobrokern fallen bei häufigen Trades Kosten an, die die Gewinne auffressen können. Dazu kommt der Hebel-Effekt: Viele Anfänger nutzen hohe Hebel, um mit wenig Kapital große Positionen zu handeln. Das kann kurzfristig die Gewinne maximieren, führt aber genauso schnell zu hohen Verlusten – oft sogar zum Totalverlust des eingesetzten Kapitals.

Interviewer: Welche rechtlichen Risiken bestehen für Kleinanleger im Trading-Bereich?

Michael Iwanow: Es gibt einige juristische Fallstricke, über die sich viele Anfänger nicht bewusst sind. Erstens sind die meisten Online-Broker international tätig, und nicht alle unterliegen einer strengen Regulierung wie die in der EU zugelassenen Finanzdienstleister. Das kann zu Problemen führen, wenn es etwa um die Einhaltung von Einlagensicherungen oder den Schutz vor Betrug geht.

Ein weiteres Risiko besteht darin, dass einige unseriöse Anbieter mit unrealistischen Versprechungen werben. Wer sich auf Trading-Coaches oder Signalgruppen in sozialen Medien verlässt, läuft Gefahr, Opfer von Marktmanipulationen oder Schneeballsystemen zu werden. Ich habe Fälle erlebt, in denen private Anleger durch sogenannte „Pump-and-Dump“-Methoden auf bestimmte Aktien aufmerksam gemacht wurden – nur um dann zu erleben, dass die Kurse ins Bodenlose fielen, nachdem die Initiatoren der Aktion ihre eigenen Gewinne gesichert hatten.

Ein weiteres häufiges Problem sind steuerliche Fallstricke. Viele Daytrader wissen nicht, dass jede einzelne Transaktion steuerlich erfasst wird und dass Gewinne zu versteuern sind, selbst wenn am Ende des Jahres ein Gesamtverlust steht.

Interviewer: Welche Regeln sollte ein Kleinanleger beachten, wenn er trotzdem ins Trading einsteigen will?

Michael Iwanow: Zunächst einmal sollte man sich darüber im Klaren sein, dass Daytrading nicht mit langfristigem Investieren verwechselt werden darf. Während langfristige Investoren über Jahre hinweg von Marktgewinnen profitieren, ist Daytrading eher mit professionellem Glücksspiel vergleichbar – mit dem Unterschied, dass die „Bank“, also die institutionellen Händler, immer den Vorteil hat.

Wer dennoch traden möchte, sollte folgende Regeln beachten:

  1. Niemals Geld einsetzen, das man nicht verlieren kann. Das Trading-Kapital sollte nie aus dem Notgroschen oder einem Kredit stammen.
  2. Realistische Erwartungen haben. Die meisten erfolgreichen Trader benötigen Jahre der Erfahrung und des Lernens, bevor sie konstant Gewinne erzielen.
  3. Ein solides Risikomanagement betreiben. Anfänger sollten niemals mehr als 1-2 % ihres Kapitals pro Trade riskieren.
  4. Seriöse Broker wählen. Man sollte nur bei regulierten Brokern handeln, die unter der Aufsicht der BaFin oder anderer renommierter Aufsichtsbehörden stehen.
  5. Sich vor Scams und unseriösen „Gurus“ hüten. Wer Trading-Kurse verkauft oder „sichere Strategien“ anbietet, verdient in der Regel mehr Geld mit seinen Kursen als mit dem eigentlichen Trading.

Interviewer: Also ist Daytrading doch nur etwas für Profis?

Michael Iwanow: Genau. Die meisten Kleinanleger sind mit klassischen, langfristigen Anlagestrategien in ETFs oder Aktienfonds viel besser beraten. Wer Daytrading als Hobby betreibt und sich der Risiken bewusst ist, kann es gerne ausprobieren. Aber der Mythos vom schnellen Geld ist gefährlich. Wie man so schön sagt: „Die Börse ist ein Ort, an dem das Geld der Ungeduldigen in die Taschen der Geduldigen fließt.“

Interviewer: Herr Iwanow, vielen Dank für das aufschlussreiche Gespräch!

Michael Iwanow: Sehr gerne.

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